Druckversion
 
Einführung


 

Was ist "Familienaufstellung nach Bert Hellinger?"

Eine Einführung in das Familienstellen von Christian Assel

 

Das Erbe der Menschheit - die Familie

 

Diese Arbeit konfrontiert uns mit der Tatsache, dass die Familienbindung, oder systemische Bindung, voll intakt ist, obwohl dies, in unserer individualistischen Zeit, schwer zu glauben ist. Wenn wir die Familienbindung, oder die Familienseele, verstehen möchten, warum sie so stark ist, müssen wir ihre Entstehung verstehen. Seit tausenden von Jahren haben Menschen in Familiengemeinschaften gelebt. Die Familie ist unser Erbe; in dieser Institution wurden wie sozialisiert. Die Familiengemeinschaft funktionierte als eine Festung während der gesamten Geschichte der Zivilisation.

     Wenn ich zu den menschlichen Wurzeln gelangen möchte, dann schaue ich gerne in Geschichtsbücher und stelle mir vor, wie das menschliche Leben vor tausenden von Jahren gewesen sein muss. Die Menschen lebten in Familienklans. Nicht nur, dass jeder seine Funktion in der Arbeitsteilung hatte, sondern zu aller erst war es eine Gemeinschaft der Fortpflanzung. Eine Fortpflanzung, die bis heute ununterbrochen weitergeht. Wir sind auf diese Weise mit jenen Leuten verwandt, und wir tragen immer noch einige der alten Information in unserer Familienseele.

     Stellen Sie sich vor, wie das Leben damals war. Es war eine wilde Welt. Hungersnot, Trockenzeit, giftige und gefährliche Tiere und feindliche Stämme bedrohten jeden Tag das Leben des ganzen Klans. Das Leben vollzog sich am Rande der völligen Auslöschung. Um nun die Gemeinschaft zu sichern, war es unerlässlich für jeden Einzelnen, alles zu tun was möglich ist, um das Leben des Klans so gut wie nur möglich zu sichern. Sei es nun das Kämpfen gegen feindliche Stämme und das Jagen von Tieren, oder das Sorgen um Kinder und das Zubereiten der Mahlzeiten. Das Wohl des Ganzen war wichtiger als das Wohl des Einzelnen, weil nur das Wohl des Ganzen der Fortpflanzung dient. Jeder arbeitete für die Familie, aber auch die Familie arbeitete für Jeden. Einer für alle und alle für einen. Das wichtigste Ziel war es, die Familie oder den Klan als Ganzes durchzubringen. Jeder war gewillt und bereit, sein eigenes Leben für das Leben der Gemeinschaft zu opfern. Alte, Kranke und Verletzte mussten irgendwann zurückbleiben, wenn sie andere dabei behinderten am Überlebenskampf beizutragen.

     Und auch heute noch sehen wir, in der Arbeit des Familienstellens, dass bestimmte Mitglieder einer Familie ihr Leben opfern, oder zumindest einschränken, um die Familie als ganzes oder bestimmte Mitglieder zu retten. Heute jedoch, hat sich die Bedeutung von "Opfer" und "Rettung" stark verändert, jedoch dieses Programm arbeitet immer noch in unseren Seelen als Gewissen.

 



Zugehörigkeit zu einem Klan

 

Gehen wir noch einmal zurück in die Vergangenheit. Die Familie zeigt sich ständig als überlegene Kraft. Ohne die Unterstützung dieser Kraft, hätte der Einzelne eine geringere Chance auf Überleben als mit ihr. Außerhalb des Familienverbundes ist es für ein Individuum wahrscheinlicher zu einer Beute für Tiere und Feinde zu werden. Jene, die ausgestoßen wurden von ihren Klan, waren dem Tod viel näher. Die Bedeutung von "Ausschluss" und "Tod" waren damals sehr eng miteinander verknüpft. Jene jedoch, die in einer Gemeinschaft integriert waren und dazugehören durften, waren sicherer, geschützter, und hatten eine größere Chance zu überleben.

     Die Erfahrung aus dem Familienstellen hat gezeigt, dass dieses Muster heute immer noch Gültigkeit hat. Auch heute noch ist eine unserer höchsten Strafen der Ausschluss, bzw. die Verbannung: das Gefängnis. Wir fürchten den Ausschluss am meisten. Jeder brauchte die Familie und würde alles tun, um die Mitgliedschaft zu sichern und alles meiden, was die Mitgliedschaft gefährden könnte. Das seismographische Instrument hierfür nennen wir "Gewissen". Ich habe ein reines Gewissen, wenn ich Dinge tue, die dafür sorgen, dass ich dazugehören darf, und ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich etwas mache, bei dem ich befürchten muss, nicht mehr dazugehören zu dürfen. Das Gewissen ist ein feines und empfindliches Instrument um die Zugehörigkeit zu einem System zu spüren.

     Hier müssen wir jedoch aufpassen, weil dieses Gewissen nicht auf andere Familiensysteme ausgedehnt werden kann. Das gleiche, das in einer Familie die Zugehörigkeit sichert, kann in einer anderen Familie die Zugehörigkeit geradezu gefährden.

     Was sichert die Zugehörigkeit am meisten? -- Wenn ich mich so verhalte, dass es der Familie gut geht. Ich möchte alles tun, dass alle etwas davon haben. Ich handele aus Liebe, ohne überhaupt meine eigene Gesundheit oder Unversehrtheit in Betracht zu ziehen. Ich gebe mein Leben für das Leben eines Anderen. Aber weil diese Liebe blind ist, beginnt die Tragödie. Ich bin blind für die Tatsache, dass meine Bemühungen umsonst sind. In unserer modernen Welt ist dieses Programm nicht mehr gültig und wird scheitern.

 

Moderner Individualismus

 

Unsere moderne Welt hat es schwer gemacht, die systemische Bindung zu spüren. In der Arbeit des Familienstellens haben wir die Erfahrung gemacht, dass diese Bindung aber immer noch unglaublich stark ist und über Gut und Böse oder Leben und Tod hinausgeht. Wenn ich aber blind bin, gegenüber dieser Bindung, in Verbindung mit der absoluten Bereitschaft alles für die Familie zu tun, entsteht hier eine explosive Mischung, welche Leben zerstören kann. So ergeht es auch dem Held in der Tragödie: Unter dem Druck des eigenen Gewissens kämpft er unerschrocken gegen böse Mächte, aber weil er blind ist gegenüber der eigenen Bindung, muss er scheitern.

     In unserem heutigen, modernen Leben sind wir stärker isoliert als früher. Unser individualistisches Leben und unsere "Freiheit der Wahl" haben uns isoliert. Das anwachsende "single" Leben hat uns von unserem Klan weiter entfernt. Doch der stärkste aller Bünde existiert und lebt in uns unverändert. Wenn wir das leugnen, werden wir zu Gefangenen unserer freien Welt. Wer jedoch die Gebundenheit akzeptiert und sie anerkennt, ist wirklich frei, und ist auf dem Weg zu einem Leben in Fülle.

 

Das Ziel dieser Arbeit

 

Wenn wir die Familienbindung außer Acht lassen, können wir manchmal nicht verstehen, was passiert, wenn Leute in einer bestimmten Weise handeln. Verstrickungen in einem System führen oft zu Handlungen aus blindem Zwang. Die systemische Sicht hat zu neuen Erkenntnissen und neuen philosophischen Feldern geführt. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Verstrickung, bzw. den systemischen Konflikt mit einer Familienaufstellung sichtbar zu machen. Wir arbeiten mit Stellvertretern, d.h. ein Teilnehmer wählt bestimmte Personen seines Systems aus der Gruppe der Teilnehmer aus und stellt sie in der Mitte des Raumes auf. Dazu ist es nicht nötig, dass die wirklichen Familienmitglieder anwesend sind. Aus dem Bild und der Textur der Aufstellung ergeben sich neue Schritte.

 



Das "Wissende Feld" oder die "Familienseele"

 

Die systemische Information, so scheint es, ist in einem Wissenden Feld gespeichert, dass wir von unseren Vorfahren erben. Die Familienseele kennt die tiefen Realitäten der Familie, auch die Wunden, aber auch die Art der Heilung. Diese Realitäten werden von allen Mitgliedern gewusst. Wenn die Realitäten angeschaut und anerkannt werden, wird das von den Teilnehmern sehr oft als erlösend und befreiend empfunden. Diese Einsicht ist wichtig für ein Leben in Fülle.

     Doch es braucht Zeit. Nach der eigentlichen Familienaufstellung fängt die Bewegung der Seele erst an. Es kommt etwas in Bewegung. Wenn man einen Kiesel in den See wirft, braucht es lange, bis der letzte Ring des Wassers an das Ufer gelangt.

 

Die Ordnung: Mitgliedschaft

 

In der Arbeit des Familienstellens ist entdeckt worden, dass eine bestimmte Ordnung existiert, in welcher sich alle wohl fühlen, die in dem System sind. Als erstes hat jeder das Recht dazuzugehören. Wenn zum Beispiel jemand ausgeschlossen oder vergessen wurde, weil jemand vielleicht krank war oder kriminell, beginnt die Verstrickung. Die Familienseele lässt es nicht zu, dass jemand weniger dazugehört als andere. Diese Person wird später durch ein Kind oder Enkel nochmalig vertreten. Das Kind fühlt sich dann wie die ausgeschlossene Person und hat dessen Gefühle, alles in Liebe und Anerkennung für diese Person. Aber das ist schlimm für das Kind, denn die Last ist zu schwer. Die Lösung wäre hier, dass die ausgeschlossene Person wieder in den Blick kommt, ihren richtigen Platz wieder einnimmt, und ihr die volle Würde wiedergegeben wird. Dann ist das Kind frei.

 

Die Ordnung: Vorrang

 

Als zweites, so zeichnet es sich ab, gibt es einen Vorrang innerhalb eines Systems. Eltern haben Vorrang vor ihren Kindern und ältere Geschwister haben Vorrang vor den jüngeren. "Wasser fließt immer nach unten" heißt, dass die, die früher da waren den Späteren geben, und die, die später kamen von den Früheren nehmen. Dieser Fluss des Gebens und Nehmens kann nicht umgekehrt werden. Die Eltern sind die Großen, und die Kinder sind die Kleinen. Das ist ein Gefälle. Alle Versuche scheitern, wenn Kinder ihren Eltern geben wollen, weil dies dem Fluss des Lebens entgegensteht.

 

Die Ordnung: Jemandes Platz einnehmen

 

Drittens, wenn ein Kind sieht, dass jemand aus der Familie, z.B. ein Elternteil, gehen will und sich innerlich wegbewegt und nach außen orientiert, spürt es ein starkes Verlangen diese Person zurückzuhalten. Damit nun diese Person bleiben kann, versucht das Kind selbst zu gehen und sagt in der Seele: "Ich gehe, damit du bleiben kannst." Das ist jedoch schlimm für das Kind. Durch den Druck des Gewissens will das Kind alles tun um dazuzugehören. Durch die Ordnung der Vorrangigkeit jedoch, darf es das nicht, weil es sich nicht in die Angelegenheiten der Großen einmischen darf, und wird scheitern. Hier kann das Kind die Last demjenigen zurückgeben zu dem sie gehört, damit es nur Kind sein darf.

 

Partnerschaft

 

Auch in Partnerschaften gibt es Verstrickungen. Der Akt der Liebe bindet zwei Menschen unauflöslich zusammen. Es scheint nicht in erster Linie die Heirat zu sein, die bindet, sondern die Sexualität. Wenn die Beziehung vorbei ist, bleibt dennoch die Bindung. Der frühere Partner bleibt ein Bestandteil des Systems, und wir können nicht so tun, als gäbe es ihn nicht, auch wenn wir das wollen. Eine wirkliche Trennung gelingt in der Regel nur, wenn anerkannt wird, dass die Verbundenheit auf eine gewisse Weise bestehen bleibt, und dass ich genommen habe, was der Partner mir gab, und dass er einen Platz bei mir hat.

     Im anderen Fall, wenn sich jemand mit Verachtung trennt, bleibt er an den Partner auf eine ungute Art gebunden, und das System erfährt einen Konflikt. Die Konsequenz kann sein, dass ich keinen neuen Partner finde, weil ich noch gebunden bin. Oder der neue Partner nimmt mich nicht zu dem Preis, den es den früheren Partner gekostet hat. Oder ich finde einen Partner, der ebenfalls noch gebunden und nicht frei ist. Außerdem kommt das System unter Druck, und es kann sein, dass ein späteres Kind, aus einer späteren Beziehung, den früheren Partner vertreten muss. Dieses Kind hat dann die Gefühle des früheren Partners, und sieht in einem seiner Eltern vielleicht eher einen Nebenbuhler und Widersacher. Eine Versöhnung ist nur möglich, wenn alle Personen in den Blick kommen, die dazugehören, auch der frühere Partner. Wenn er die volle Würde zurückbekommt, ist er den anderen freundlich.

 

von Christian Assel 2005


Seitenanfang


   
 · Home · ÜBERSICHT ÜBER ALLE KURSE, SEMINARE UND AUSBILDUNGEN · EINZELAUFSTELLUNG · TELEFONAUFSTELLUNG · ARBEIT MIT TIEREN · WALKING-IN-YOUR-SHOES · AUSBILDUNG Familienaufstellung · Supervisionskurs FA · Fortbildungsblock Wiys · Rückmeldungen anderer Teilnehmer · Kontakt zu "meinen" Kollegen in Ihrer Nähe · Kurzüberblick (Inhalte) · Einführung · Für Paare und Familien · Organisationen und Projekte  · Bands and Orchester  · Texte zur Vertiefung (1) · Texte zur Vertiefung (2) · Christians Referenzen · Berichte/ Presse/ Interview · Stichwörter finden · Literatur zur Einführung · Newsletter bestellen · Kontakt - Kontoinfo